Zwischen Kalauer und Klavier
Barbara Ruscher stellte im Pulheimer Walzwerk ihr neues Programm vor
Temperamentvoll und spöttisch beleuchtete die Kabarettistin die
kleinen Absurditäten des Alltags.
VON RUTH LÜTZ-BEDORF
Pulheim - Mit ihrem neuen Soloauftritt „Nackig! Der Kampf ums letzte
Hemd" gastierte am Freitagabend Barbara Ruscher im Walzwerk-Theater. Es
war eine „Vorpremiere", die Kabarettistin trat zum ersten Mal mit ihrem
neuen Programm vor Publikum auf.
Manches müsse sie noch ablesen, so Ruscher gleich zu Anfang, einige
Gags seien noch nicht endgültig ausgereift, umso mehr komme es ihr
auf die Publikumsreaktionen an. Und dieses Feedback war in dem nahezu voll
besetzten Pulheimer Theater hervorragend. Die Chemie zwischen der Künstlerin
und den Zuschauern, in überwiegender Zahl weiblichen Geschlechts,
stimmte von Anfang an. Die Künstlerin löste nicht zuletzt dann
immer wieder Lachsalven aus, wenn sich irgendwo ein Hänger eingeschlichen
hatte und sie sich selbstironisch kommentierte, zum Beispiel: „Ein bisschen
albern, die Stelle...".
Sympathisch und attraktiv, mit suggestiver Mimik und oft weit aufgerissenen
Augen- die braven blonden Zöpfe wippen über dem roten schulterfreien
Top - spürt Ruscher treffsicher die Absurditäten im Alltag auf.
Die lauern an jeder Ecke, schon allein, weil man sich ständig für
irgendetwas entscheiden muss: „Man ist mehr mit Entscheiden beschäftigt
als mit Leben!" Zwischendurch frönt die Kabarettistin, ausdrucksstark
und routiniert auch hier, als Pianistin und Sängerin ihrer Spottlust.
Mit laszivem Hüftschwung singt sie von der „libidinösen Aushäusigkeit",
den Song vom „Hering Kurt" präsentiert sie als perfekten Rap.
Scheinbar mühelos reiht Barbara Ruscher eine Pointe an die andere
und springt übergangslos von einer Alltagsfalle zur nächsten.
Ihre bissigen Spitzen machen vor nichts Halt: Der heutigen Massenbewegung
des Nordic Walking widmet sie - das Publikum stimmt vergnügt in den
Refrain mit ein - ein Spottlied. In der Steinzeit, sagt sie, habe noch
lebhafte Kommunikation geherrscht, dass Männer heute hingegen meist
stumm am Grill ständen, erkläre sich so: „Heute grillt der Mann
schweigend, weil er sich schämt, dass er die Wurst nicht selbst gejagt
hat."
Ruscher füllt während ihres fast zweistündigen Programms
mühelos mit ihrer Präsenz die Bühne, zeigt zwischen Kalauer
und Klavier ein breites Spektrum kabarettistischer Ausdrucksformen. Sie
spielt gekonnt mit der Spontaneität und bezieht immer wieder das Publikum
in ihr Programm mit ein: „Sie können ruhig antworten, das ist jetzt
interaktiv!"
Spaß habe es ihr gemacht, sagt sie am Ende nach zwei Zugaben,
und dass die wirkliche Premiere am 14. Oktober im Kölner Ateliertheater
stattfinde.
Kölner Stadt-Anzeiger, RHEIN-ERFT JOURNAL vom 19.09.2005