Ein Hauch von Wehmut
Die zwei Seiten einer ungewöhnlichen Frau
Alice Eßer interpretierte
Lieder von Trude Herr
von DIETER WOLF
PULHEIM. Extrem wie ihr Leben, so weit gefächert war auch die
künstlerische Bandbreite der Lieder der Kölner Schauspielerin
und Sängerin Trude Herr. Ein wenig von dieser Zerrissenheit zwischen
gefühlvoller Frau auf der Suche nach Liebe und dem vermeintlichen
Prototyp einer „Ulknudel" brachte die Kölner Sängerin Alice
Esser auf die Bühne des Theaters im Walzwerk.
Musikalisch wie thematisch bedeutete dies: Lieder zwischen „Niemals
geht man so ganz", der sentimentalen Hymne über die Vergänglichkeit
des Daseins, aber auch der Kracher „Ich will keine Schokolade, (ich will
lieber nur einen Mann)". Beide Lieder dokumentierten jeweils eine authentische
Seite der Trude Herr, einer Frau, die das Leben sowohl mit starker melancholischer
Trübung betrachtete, aber auch einer Frau, die ihren Kummer mit scheinbarer
Leichtigkeit hinausbrüllen konnte. .
• Kraft und Ausdrucksstärke
Diese Komplexität umfasste die Auswahl „Herr-licher" Lieder der
Alice Esser. So wäre jeder, der einen Stimmungsabend erwartet hätte,
enttäuscht gewesen. Doch das Gros der Gäste im Walzwerk kannte
sich aus, hatte die Schauspielerin bereits in ihrem Theater in der Kölner
Südstadt genossen, dort wo sie im Gegensatz zum Programm des Millowitsch-Theaters,
Unangepasstes, . Kritisches und durchaus Provokatives inszenierte hatte.
Welche Kraft und Ausdruckstärke die Texte der Trude Herr besitzen,
dafür konnte Alice Esser ihr Publikum auch am Freitagabend begeistern.
So löste Herrs Ode an ihren Vater mehr als nur Gänsehaut aus.
In ihrem Lied „Papa" formulierte eine verletzliche und einsame Tochter
ihre Gefühle der Abwesenheit des geliebten und bewunderten Vaters.
Auch der scheinbar heitere Song aus dem Blickwinkel der fernen Fidschi-Insel,
wohin sich die Sängerin immer wieder zurückzog, man konnte sogar
sagen, flüchtete, trägt neben Wehmut auch unüberhörbaren
Sarkasmus in sich: „Hier kann keiner den Dom mehr sehen/niemand der Menschen
hier hat vom Dom je gehört/und dennoch geht es ihnen hier sehr gut"
heißt es in einem Lied, das Alice Eßer unter sportiver Mitwirkung
des Publikums zelebrierte.
Auch das Lied von der gefallenen Jungfrau aus Rhöndorf, szenisch
inszeniert, trug sowohl liebevoll Humorvolles, als auch verdeckt Kritisches
in sich. Die Herr-lichen Lieder sind ein lohnenswerter Liederfundus jenseits
aller Kölschtümelei. Und die gebürtige Aachenerin Alice
Eßer hat dies adäquat vermittelt.
Kölnische Rundschau / Rhein-Erft-Kreis vom 23. Mai 2005 / Artikel als pdf.datei lesen