Ihre Wünsche wurden hautnah spürbar
Kurzweilige Aufführung im Walzwerk
Musik, Tanz und Zitate aus dem Roman "Das kunstseidene Mädchen" verbindet das "i.d.theater" zu einer spannenden Auffuhrung.
VON ULLA JÜRGENSONN
Pulheim - Es war ein kurzer Theaterabend im Pulheimer Walzwerk - gerade eineinviertel Stunden lang. Wie schafft man es, ein ganzes Buch in diese kurze Zeitspanne hineinzupressen? Barbara Müller und Birgit Götz gelang das Kunststück, und es blieb sogar noch Zeit für Momente von fast meditativer Stille. Das Gastspiel des "i.d.theaters" aus Dortmund war Teil der Aktion "Ein Buch für die Stadt", die "Kölner Stadt-Anzeiger" und Literaturhaus Köln gemeinsam veranstalten. Es ist auch im Rhein-Erft-Kreis aus dem Buch gelesen worden, es wurde über das Buch geschrieben und gesprochen - und nun also ein Theaterstück. Wer allerdings die Handlung des Romans nicht zumindest ungefähr kannte, hatte es schwer. Die beiden Darstellerinnen und Regisseur Detlev Fuchs haben einzelne Szenen herausgegriffen und ohne Verbindung, ohne Erläuterung nebeneinandergestellt. Szenen, die auf der kleinen Bühne im Walzwerk in Kammerspiel-Atmosphäre wunderbar zur Geltung kamen. Nie war der Wunsch des Mädchen Doris, ein Glanz, ein Star zu werden, so unübersehbar, so hautnah spürbar, als wenn Müller und Dittrich einen Bogen zwischen Wort und Tanz spannten. Mal spricht die eine, scheinbar in sich selbst versunken, Irmgard Keuns Text und die andere greift den Rhythmus der Sprache tänzerisch auf. Mal tanzen beide miteinander, mal wechseln sie die Rollen mitten im Dialog. Mal herrscht Bewegungslosigkeit auf der Bühne, dafür dringt Musik aus den Lautsprecherboxen. Minutenlang schlägt Müller das Publikum nur mit wechselndem Mienenspiel in Bann. Ein anstrengendes, ein alle Sinne forderndes Spiel mit Ausdrucksformen, wie man es selten auf einer Bühne sieht. Was der Spielstätte im Walzwerk sonst eher Abbruch tut, der Lärm von der nahen Bahnstrecke, geriet hier zeitweilig unfreiwillig zum Spielelement, wenn die vorbeirollenden Züge die Berliner U-Bahn hätten sein können. Zwei Koffer, ein Garderobenständer, zwei Pelzmäntel (wenn auch kein echter Feh) -Barbara Müller und Brigitte Dittrich brauchen nicht viel Requisite: Ihre Darstellung überzeugt ohne Schnickschnack. 
Kölner Stadt-Anzeiger / Rhein-Erft Journal 22.11.2003 / Artikel vergrößern